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Die Reformation des Lebens

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Als ich Kind war, durften nicht alle anderen Kinder mit mir spielen. Es war klar, dass ein Mädchen mit noch drei anderen Geschwistern, einem arbeitslosen Stiefvater und einer drei Mal verheirateten Mutter kein guter Umgang ist.

Als ich Jugendliche war, war ich immer noch kein guter Umgang, denn ich habe im Kirchengebäude heimlich hinter dem Altar geraucht, hing mit Leuten ab, die nicht gut für mich waren, und hatte eine Einstellung zu Alkohol, die ich meinen Konfirmand*innen heute lieber nicht erzähle.

Meine höchst biederen Großeltern waren regelmäßig geschockt über meine Kleidung und meine Haare. Und über alles andere, was mich ausgemacht hat, eigentlich auch.

Später, im Vikariat, war meine Kirche das auch, in vielerlei anderer Hinsicht.

Ich kenne das sehr gut, wie es ist, wenn andere Menschen über einen urteilen. Und das Gefühl, in den Augen anderer Menschen nicht gut genug zu sein. Nicht richtig.

Als ich 15 Jahre alt war, habe ich beim Pastor meines Ortes geklingelt und gefragt, ob er mich taufen kann. Ob er wusste, dass die Kippen in der Kirche von mir waren, hab ich ihn nie gefragt.

Die Sehnsucht danach, einmal nicht falsch zu sein und verurteilt zu werden dafür, wie ich bin, hat mich damals an diese Haustür getrieben.

Und dann da in diesem Pastorat zum ersten Mal in der Bibel zu lesen, dass es keine bestimmten Leistungen braucht, damit Gott einen Menschen liebt … Diese Erfahrung war outstanding: Geliebt um meiner selbst willen. Wow.

Bis heute habe ich selten mal wieder etwas erlebt, das mich tiefer berührt hat. Bis in die Grundfesten: Ich muss nichts tun, nicht irgendwie sein. So, wie ich bin, so ist es in Gottes Augen richtig. Schon längst.

Und dann noch zu erfahren, dass Gott immer wieder neu vergibt, egal was ein Mensch auch für einen Mist bauen kann im Leben. Dass man immer wieder eine neue Chance bekommt, etwas zu ändern und besser zu machen …

Tja, was soll ich sagen? Ich bin heute Pastorin und erzähle das sehr gerne Menschen weiter.

Als ich zum ersten Mal von Martin Luther gehört habe, wie er vor Verzweiflung und Angst darüber, nicht richtig für Gott zu sein, fast verrückt geworden ist … Ich meine, warum wirft man ein Tintenfass nach dem imaginären Teufel an die Wand, wenn nicht aus der Motivation heraus, zu schreien: „Lass mich doch in Ruhe! Was soll ich denn noch alles machen?!“ …

Jedenfalls, als ich diese Szene mit Martin Luther und dem Teufel vor Augen hatte, da habe ich mich da gesehen. Und dieses schreckliche Gefühl, nicht genügen zu können.

Wie sehr habe ich das verstanden, wie befreiend Luthers bahnbrechende Erkenntnis war: „Ich bin schon richtig in Gottes Augen! Ich muss es nur glauben!“

Und andere Leute haben da nicht über mich zu urteilen, was richtig und was falsch an mir ist oder an dem, was ich tue.

Ob das jetzt, wie bei Luther, der Papst ist oder die Leute in meiner Siedlung. Das ist da völlig egal.

Und was macht die evangelische Kirche 500 Jahre später daraus? Ein intellektuelles Histo-Pop-Ereignis, das abstrakter für Menschen nicht sein könnte.

Gott sein Dank ist wenigstens jemand auf die Idee von dieser Playmobilfigur von Martin Luther gekommen. Das ist zumindest eine halbwegs symbolisch-sinnliche Erfahrung für Leute.

An dieser Stelle möchte ich meine Kirche wirklich gerne fragen: Auf welchem Planeten leben wir eigentlich, wenn wir so tun, als sei die Lehre von Martin Luther für Menschen von heute schwer zu übersetzen?

Wir leben in Zeiten, in denen Menschen mit Pegida auf der Straße menschenfeindliche Parolen brüllen. Wo Leute von Nebenan sich in Bussen öffentlich äußern, dass Menschen an Grenzen abgeschossen werden sollen oder im Meer ertrinken mögen. Wir leben in Zeiten, in denen mehr als 12 Prozent der Wähler*innen in Deutschland eine Partei gewählt haben, die in ihrem Parteiprogramm Homosexuelle brandmarkt, die „Diskriminierung von Jungen und Männern“ abschaffen will, und die den Glauben von muslimischen Menschen herabwürdigt.

Liebe Kirche: Was glauben wir, wo das herkommt, dass Menschen sich von anderen bedroht fühlen und glauben, sie bekämen nicht genug? Oder sie bekämen zu wenig von dem, was ihnen eigentlich zustünde? Und das alles mit der Konsequenz, dass dann über andere geurteilt wird? Dass über andere hergefallen wird?

Es hat einen Grund, warum ich als Pastorin mittlerweile Bücher über Narzissmus, Hysterie, Zwanghaftigkeit und andere Dinge, mit denen die menschliche Seele belastet sein kann, öfter zur Hand nehme, als die Bibel:

Wenn ein Mensch nicht um seiner selbst geliebt wird, sondern in erster Linie etwas für andere sein soll, dann bilden sich Akzentuierungen in der Persönlichkeit aus, die immer wieder nur darum ringen, anerkannt und geliebt zu werden.

Nicht nur das kleine Mädchen aus der Prekariatsfamilie, das ich mal war, hat damit zu kämpfen, nicht „gut genug“ zu sein. Es ist ein Phänomen, an dem eine ganze Gesellschaft krank wird: Dass Menschen bei uns nie gut genug sein können. Dass „es“ nie genug ist.

Wenn in Gemeinschaften wie Kirchengemeinden viele Menschen miteinander auskommen müssen, ist dieses Phänomen immer wieder eine Herausforderung.

Das Gefühl, nicht richtig zu sein, nicht gut genug, nicht geliebt … Es kann auch für Minderwertigkeitsgefühle sorgen. Und dafür, dass man Menschen verurteilt, die schwächer sind, als man selbst. Oder anders.

Und jetzt kommt Martin Luther. Er schlägt in einer dunklen und Nacht voll von diesen Selbstzweifeln die Bibel auf, und liest darin: Du bist gut genug. Und egal, was andere sagen: Gott wird immer anders über Dich urteilen, als Menschen das tun.

Wer will jetzt noch ernsthaft behaupten, das Reformationsjubiläum hätte Menschen nichts anderes zu erzählen, als dass Martin Luther mal ein paar Zettel an eine Kirchentür gehangen hat?

Und ja: Die Reformation hat auch viel Kultur geprägt und Gesellschaft beeinflusst. Das ist nicht falsch, daran zu erinnern. Und ich will auch nicht die Arbeit der vielen Menschen in den Gemeinden herabwürdigen, die im Rahmen des Reformationsjubiläums dafür gesorgt haben. Aber: Das darf nie abgeschlossen sein.

Gerade heute, gerade jetzt, hat das Menschen etwas zu sagen, was Martin Luther damals in der Bibel wieder neu entdeckt hat: Niemand hat das Recht, über Menschen zu urteilen. Das hat nur Gott. Es zählen keine Leistungen, keine äußeren Merkmale, keine Herkunft, kein überhaupt gar nichts.

Es zählt nur der Mensch an sich, der richtig in Gottes Augen ist, so wie er ist.

Schlechten Umgang gibt es nur auf eine Weise: Mit anderen Menschen schlecht umzugehen. Wir haben in der Kirche die einzigartige Chance und den Auftrag, Menschen einen guten Umgang miteinander zu vermitteln.

Das ist die Reformation der Kirche. Der Gesellschaft. Und des Lebens.

 

 

 

 

 

 

 

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